Das Wesen der Kirche und ihrer Sendung

a) Die Kirche hat ihren Grund in Gott selbst, der ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. Wie er das ist, wäre von der biblischen Botschaft, von dem ersten Widerhall des Christusereignisses mit seinen ersten und differenzierten Weltdeutungen her, zu entfalten. Das kann hier nur andeutungsweise geschehen. Die Kirche ist der Erweis der von Gott gewirkten Versöhnung, da in ihr gerechtfertigte Sünder sich als Brüder und Schwestern erkennen und annehmen dürfen. Sie ist die Gemeinschaft der zur Heiligung der Welt Gerufenen, sie ist unterwegs zu einer Erneuerung und Vollendung, die in ihr selbst schon anfangsweise grundgelegt ist und auf die ganze Schöpfung zielt, bis Gott alles in allem ist. Die Kirche ist auf Grund ihrer Anteilhabe am Leben Gottes Gemeinschaft der Menschen mit Gott, untereinander und mit der Schöpfung. Die Versöhnung hat ihren Grund in der Sendung und Menschwerdung des Logos Gottes, in Tod und Auferstehung Jesu Christi, des Sohnes Gottes, und sie wird erkennbar in der Gabe des Heiligen Geistes, die Menschen zu Trägern der Liebe und Erkenntnis Gottes und darin zu freien, verantwortlichen Partnern Gottes macht.

Die Kirche gründet somit sowohl im Werk Jesu Christi wie auch im Werk des Heiligen Geistes, da die Leben erschliessende Sendung Jesu Christi in der Kraft des Geistes geschieht und dieser das in dieser Sendung erschlossene Leben in Raum und Zeit vergegenwärtigt und in neuen geistlichen Dimensionen und kulturellen Situationen erschliesst. Sie gründet aber auch in Gott, dem Vater, denn Sohn und Geist haben in ihm ihre Einheit und die Einheit ihres Beziehungen und Gemeinschaft schaffenden Wirkens. “Die trinitarische Begründung der Wirklichkeit der Kirche ist für das altkatholische Kirchenverständnis deshalb so wichtig, weil nur sie erlaubt, die menschliche Gemeinschaft in der Kirche als Anteilhabe an einer innergöttlichen Gemeinschaft zu verstehen”[1].

Dieser ekklesiologische Ansatz denkt also von soteriologischen und trinitarischen Prämissen her, und er setzt so etwas wie eine relationale Ontologie für das Verständnis der Wirklichkeit als Gottes Schöpfung voraus. Das heisst im Blick auf den Menschen, dass er im Licht Gottes schon immer in Gemeinschaft steht, kein ontologisch zunächst vereinzeltes Wesen ist. Man mag das terminologisch so ausdrücken, dass der Mensch grundsätzlich Person, also auf Gemeinschaft hin geschaffenes und berufenes Wesen ist, kein Individuum ist. Das bedeutet, dass die Kirche durch Gegenüber-Verhältnisse von Personen konstituiert ist[2].

Dies und die Hingeordnetheit der zu Gemeinschaft berufenen Menschen auf eine Grösse, die sie nicht selbst sind und die ihnen doch innerlich werden kann durch geschenkte Partizipation, kommt in unterschiedlicher Weise den klassischen ekklesiologischen Metaphoriken des Volkes Gottes, des Leibes Christi, des Tempel des Geistes, der Braut Christi usw. zur Geltung. In diesem Zusammenhang steht auch der heute beliebte Ausdruck “Koinonia”. Er bezeichnet eine Gemeinschaft, die durch gemeinsame Anteilhabe an einer Grösse, die die Teilhabenden nicht selbst sind, konstituiert wird[3]. Dieser grundlegende Aspekt der Kirche kommt am deutlichsten in der Eucharistie zur Geltung, die in ihrer ekklesiologischen Relevanz nicht erkannt wird, wenn man sie als ein Sakrament unter anderen betrachtet.

Die Kirche ist als Vorhut und Modell der erlösten und erneuerten Menschheit grundsätzlich Pilgerin durch die Zeiten, unterwegs auf eine Zukunft, die in der geschehenen Selbstoffenbarung Gottes ihren Grund hat. Sie lebt also in einer gleichsam eschatologischen Situation “zwischen den Zeiten”, in Anamnese und Erwartung der Vollendung. In dieser Situation hat die Kirche ihre Sendung zu erkennen und wahrzunehmen. Sie vollzieht sich in den Grundvollzügen ihres Lebens, die man im Anschluss an eine beliebte Terminologie mit den Ausdrücken Martyria, Doxologia/Leitourgia und Diakonia umschreiben kann. Zur Martyria gehören – in unterschiedlicher Weise nach aussen und innen gerichtete und meist miteinander verbundene – Akte der Verkündigung des Evangeliums, der Katechese, der werbenden Rechenschaft über den Glauben mit seinen Voraussetzungen und Konsequenzen, Stellungnahmen zu Fragen der Politik und der Gesellschaft, die sich aus der Botschaft aufdrängen; zur Doxologia gehört die Anbetung und das Lob Gottes, in dem die Kirche im Modus der Epiklese davon zu leben wagt, was ihr in Wort und Sakrament geschenkt wird und was sie als Quelle ihrer und der Schöpfung Zukunft erkannt hat; zur Diakonia gehört die Wahrnehmung ihres heilenden Auftrags gegenüber den konkreten Nöten von Menschen in resoluter Überschreitung ihrer eigenen institutionellen Grenzen.

b) Die Kirche ist eine gottmenschliche Gemeinschaft, auch in ihren soziologisch beschreibbaren und institutionell strukturierten Aspekten, aber sie ist dies in der vollen Ambivalenz und Zweideutigkeit, die ihr eben dadurch eignet, dass sie auf ihre eigene Vollendung erst unterwegs ist, noch mehr aber wohl dadurch, dass sie in ihren Gliedern Züge der Sünde, der Verdunkelung und Desavouierung ihrer Gottbezogenheit und Gottverdanktheit trägt, dass sie den ihr anvertrauten Auftrag und die ihr anvertrauten Gaben missbraucht hat und missbraucht[4]. Altkatholische Theologie setzt also voraus, dass Menschliches – selbst Materielles (vgl. die Sakramente) – Träger und Ort göttlicher Gegenwart sein kann, wo es – auf Epiklese hin – vom Geist Gottes als solches in Anspruch genommen wird. Freilich begegnet die Kirche mit all ihren Lebensäusserungen nur in einer ambivalenten Wahrnehmung, die nie den Glauben entbehrlich macht; anders gesagt: Eine entscheidungsfreie, sozusagen neutrale Wahrnehmung der Kirche in ihrer gottverdankten Dimension gibt es nicht[5].

(Autor: Prof. Dr. Urs von Arx, Bern)


[1] H. Aldenhoven, 1980, 407.

[2] K. Stalder, 1983; vgl. auch John D. Zizioulas, Being as Communion, Crestwood NY 1993, bes. 27-65.

[3] Vgl. Josef Hainz, Koinonia, Regensburg 1982.

[4] Vgl. U. Küry, 269-278.

[5] K. Stalder, 2000.