Utrechter Union

Juni | Die KEK und die Zukunft Europas

Eine Reflexion.

Dies sind wichtige Zeiten für Europa. Geister müssen bereit gemacht werden und mitwachsen können in einer Vision, die unserem alten Kontinent neue Impulse geben muss. Die Kirchen können dabei eine wichtige Rolle spielen. Ihre Glaubwürdigkeit steht jetzt unter Druck, aber das kann sich ändern. Insbesondere wenn die Europäer erleben können, dass die Kirchen ihre Verbündeten beim Aufbau einer lebenswerten und friedlichen Gesellschaft sind, wird dies auch den Kirchen in unserer säkularisierten Welt eine neue Zukunft eröffnen.

Das ist die Überzeugung, mit der ich selbst diese Generalversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen verlasse. Durch die Erforschung der Themen 'Gastfreundschaft, Gerechtigkeit und Zeugnis' sind wir hier auf den richtigen Weg gebracht worden, um die Verkündigung des Evangeliums zu konkretisieren. Diese drei Themen machen deutlich, dass es sich nicht mehr um Kirchen handeln kann, die sich in erster Linie der Rettung ihrer eigenen Existenz in Form ihrer eigenen Organisation mit der damit verbundenen Macht und dem damit verbundenen Einfluss verschrieben haben, auch wenn diese im Niedergang begriffen sind. Den Entwicklungen in unseren Gesellschaften entschlossen entgegenzutreten: Das ist der Weg, der hier für die Kirchen aufgezeigt wurde.

Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, sprach vom fragilen Zustand Europas. Die deutsche Bischöfin Petra Bosse-Huber hebt die Glaubwürdigkeitskrise hervor, in der das europäische Projekt sich befindet und Erzbischöfin Antje Jackelén von Uppsala verweist in ihrer Analyse auf vier Hauptkrankheiten: Populismus, Polarisierung, Protektionismus und Gleichgültigkeit. Die Europäer können immer weniger glauben, dass es möglich ist, ihren Kontinent zu einer Heimat für all jene zu machen, die dort geboren sind und die dort Zuflucht suchen.

Die Flüchtlingsfrage ist ein Zeichen dafür, wie schwach die Selbstachtung der Europäer ist und wie sehr sie in ihren Ängsten gefangen sind. Es ist klar, dass einige Politiker dies nutzen, um ihren eigenen Interessen zu dienen. Wo sind die Führer (M/F), die gemeinsam mit uns das europäische Haus auf den Fundamenten einer Vergangenheit aufbauen wollen, in der neben viel Elend und Krieg so viel geistiger Reichtum zu finden ist?

Novi Sad kann in dieser Hinsicht als Symbol dienen. Vor 20 Jahren wurden hier Brücken bombardiert. Bis heute verstehen die Menschen nicht, warum. Inzwischen sind die Brücken wieder aufgebaut. Brücken bauen ist das, was in Europa getan werden muss, und die Kirchen können dabei eine Richtschnur sein. Sie schließt auch ausdrücklich "andere Gläubige" wie Muslime und Juden ein. "Gläubige" müssen zusammen gehen! Beim Christentum geht es immer darum, Grenzen zu überschreiten, um anderen die gute Nachricht von Gottes Liebe zu bringen. Wie der barmherzige Samariter oder Jesus selbst oder Paulus und so viele nach ihnen. Und der junge orthodoxe Theologe Tauri Tölpt aus Estland zitiert dabei Johannes Chrysostomos, der nicht will, dass die Kirche mit erhobenem Finger kommt und sagt, wie das alles gemacht werden muss, und darüber urteilt, wer all das falsch macht. Im Gegenteil, die Kirche ist dazu berufen, ein Krankenhaus zu sein. Unsere Gesellschaft ist nicht ganz gesund, so Tölpt, und deshalb muss man sich um sie kümmern, damit sie sich erholt, und diese Möglichkeit muss die Kirche bieten!

Das bringt uns zurück zur Ökumene selbst, denn die Kirchen haben noch einiges zu tun, um die konfessionellen Grenzen zu durchbrechen, die die vielen Denominationen voneinander trennen. Das ist vielleicht der Hauptgrund für die Existenz der Konferenz Europäischer Kirchen: dass Christen aus verschiedenen Glaubensrichtungen gemeinsam im Dienste des Aufbaus dieses "Hauses der Europäischen Gemeinschaft" handeln können. Europa beschränkt sich übrigens nicht auf die Europäische Union, auch wenn sie auf unserem Kontinent sicherlich eine wichtige Rolle spielt, sondern umfasst auch Russland, Serbien, Georgien und alle anderen Länder. Besonderes Augenmerk wurde bei diesem Treffen auch auf unsere engsten Nachbarn im Nahen Osten gelegt, zu denen Europa seit jeher ein besonderes Verhältnis hat. Die Mitchristen im Nahen Osten brauchen unsere Unterstützung und Solidarität, aber nicht unsere Einmischung! - Wie Souraya Bechealany, Sekretärin des Rates der Kirchen des Nahen Ostens sagte.

Vor fünf Jahren schien die Konferenz Europäischer Kirchen in einer tiefen Krise zu stecken. Auch diese hatte mit dem Fehlen von Brücken zwischen den verschiedenen Kirchen zu tun, die alle von eigenen Zielen angetrieben wurden. Die Tatsache, dass diese Art von Haltung die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses schwer belastet, scheint jetzt etwas mehr verstanden zu werden. Die Konferenz hat sich neu organisiert, ist effizienter strukturiert und konnte sich auf motivierte Mitarbeiter verlassen. Dies war einer der Gründe dafür, dass diese Hauptversammlung ihre Aufmerksamkeit wieder auf den betreffenden Inhalt richten konnte. Die Linie der 'Charta Oecumenica', dieses inspirierenden Dokuments aus dem Jahr 2001, erhält damit neuen Raum. Auf diese Weise wachsen die Kirchen in ihrer Berufung zusammen, ein echtes Zeichen der Hoffnung für die Europäer zu sein. Europa hat eine Zukunft, und seine Kirche auch!

 

Joris Vercammen, altkatholischer Erzbischof von Utrecht

Foto: die drei Moderatoren de Vollversammlung