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Der Geist von Assisi

1986 lud Papst Johannes Paul II. die führenden Vertreter der christlichen Ökumene und der Weltreligionen nach Assisi ein, um gemeinsam für den Frieden in der Welt zu beten. Er wollte damit eine Allianz aller Gläubigen stimulieren, die sich radikal für die Erreichung dieses Ziels verpflichten sollten. Damals kritisierte unter anderen der damalige Kardinal Ratzinger die Initiative. Er war der Meinung, dass der Unterschied zwischen den Religionen nicht genügend zum Ausdruck gebracht worden sei. Vor allem das gemeinsame Gebet – obwohl dies doch voneinander getrennt geschah – war ihm ein Dorn im Auge, weil es synkretistische Züge hätte haben können.

 

25 Jahre später ist der damalige Kardinal Ratzinger Papst Benedikt XVI. und hat seinerseits dieselben führenden Vertreter der christlichen Ökumene und der Weltreligionen nach Assisi eingeladen. Damit konnte er dem Geschehen und der Zusammenarbeit mit anderen Religionen seinen eigenen Akzent verleihen. Gegenüber 1986 gab es zwei Unterschiede. Als erstes wurde das ‚gemeinsame getrennte Gebet‘ durch Momente gemeinsamer Stille und persönlicher Reflexion ersetzt. Im Programm  war dafür Zeit eingeplant, und auch bei der zweiten gemeinsamen Versammlung auf dem Platz vor der Franziskusbasilika war ausdrücklich ein Moment der Stille vorgesehen. Zweitens wurden dieses Mal auch ‚Nicht-Gläubige‘ eingeladen. Damit waren explizit nicht ‚Ungläubige‘ gemeint, sondern, wie der Papst selbst in seiner Ansprache in der Basilika der Engel betonte, moderne ‚Suchende‘, Agnostiker, denen es nicht gegeben sei ‚die Gnade des Glaubens‘ zu erfahren und die unter der Erfahrung der ‚Abwesenheit Gottes‘ litten. Auch diese Menschen seien ‚Pilger auf dem Weg zur Wahrheit, Pilger auf der Suche nach Frieden‘. Damit betonte der Papst sowohl die eigene Identität der Christen als auch ihren Bezug zu den Sinnsuchenden in unserer säkularisierten Kultur.

 

Es ist der unbestrittene Verdienst des päpstlichen Rates ‚Justitia et Pax‘ (für Gerechtigkeit und Frieden), diese Begegnung zu einem Höhepunkt gemacht zu haben - sowohl hinsichtlich der ökumenischen Zusammenarbeit als auch im Rahmen des Strebens nach einem interreligiösen Dialog. Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson, der Präsident von Justitia et Pax, begrüsste die Delegationen in Assisi mit einem Hinweis auf den Sonnengesang von Franziskus. Er führte aus, dass in dieser Welt, in der durch die Social Media soviel Kontakt zwischen Menschen möglich ist, die Isolation noch immer gross sei. Menschen würden dominiert durch das Konsumieren voneinander und von der Schöpfung. Dies stehe in krassem Gegensatz zum Sonnenlied des ‚Poverello‘ aus Assisi, der die Schöpfung als eine ‚Lebensgemeinschaft‘ besinge, mit der man nur angemessen umgehe, wenn man den nötigen Respekt und die angemessene Demut an den Tag lege.

Der ökumenische Patriarch Bartholomeus ergänzt  in seinem überzeugenden Zeugnis, dass Menschen oft mit Verletzungen lebten, die sie zu egoistischen Wesen machten. Darum sei Versöhnung die Voraussetzung für den Frieden.

Erzbischof Rowan Williams führt in seinem Beitrag aus, dass Versöhnung ein Prozess sei, der sich sowohl im Herzen des Individuums als auch zwischen den Menschen, sowohl mit Gott als auch mit der Schöpfung vollziehen müsse. Das grosse Problem dabei sei unsere Angst. Die Angst vor dem Anderen und vor dem Fremden lähme unsere Fähigkeit Verbundenheit zu schaffen und führe direkt zum Auseinanderfallen der Gesellschaft und zur Isolation.

 

Als kleinste der Weltgemeinschaften wurde auch die Utrechter Union zum Treffen in Assisi eingeladen. Dass wir diese Einladung angenommen haben, liegt nicht nur daran, dass man eine Einladung des Papstes nicht ignoriert, sondern dass wir uns als Altkatholiken gern der interreligiösen Verpflichtung für den Frieden in der Welt anschliessen. Es gehört gerade zum altkatholischen Selbstverständnis, das Streben nach einer Gemeinschaft der Gläubigen zu unterstützen und daran mit zu bauen. In diesem Sinn haben wir uns sehr darüber gefreut, dass für eine Delegation der Utrechter Union ausdrücklich ein Sitz reserviert war und ich habe von Herzen gern an der Versammlung teilgenommen. Wenn wir in unserer Sicht der Kirche den partizipativen Charakter des ‚Volkes Gottes‘ betonen, müssen wir auch in unserer gesellschaftlichen Haltung die Betonung darauf legen. Es ist die Berufung der Kirche zu zeigen, dass Versöhnung - und daher Friede - zwischen den Menschen möglich ist, und ihnen auf diesem Weg vorangehen.

 

Wir schliessen uns dann auch gern den engagierten Worten von Papst Benedikt an, die er am Ende der Zusammenkunft in Assisi formulierte: ‚Nie mehr Gewalt. Nie mehr Krieg. Nie mehr Terrorismus. Im Namen Gottes möge jede Religion auf Erden Gerechtigkeit und Frieden, Versöhnung und Leben – Liebe – fördern!‘ Auch dem Wunsch von Kardinal Kurt Koch vom päpstlichen Rat für die Einheit, den er als Reisesegen gesprochen hat, schliessen wir uns an: ‚Lasst uns Instrumente des Friedens werden!‘

 

Erzbischof Joris Vercammen

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